Ein OP-Mikroskop als „Head-up-Display“ (HUD), ein MRT direkt neben dem OP-Tisch und ein Navigationssystem, das millimetergenau durch das Gehirn führt – was nach Science-Fiction klingt, ist an der MedUni Wien gelebter Alltag. Univ.-Prof. Karl Rössler und sein Team haben diese Technologien in großen Patient:innenserien erprobt und gezeigt: Mehr Orientierung bedeutet oft mehr Resektion – und damit bessere Ergebnisse bei gleichzeitig höherer Sicherheit.
Warum Navigieren im Gehirn so anspruchsvoll ist
Das Gehirn verzieht sich während eines Eingriffs („brain shift“). Zusätzlich liegen wichtige Funktionsareale (Sprache, Motorik, Sehen) oft dicht an Tumoren oder epileptogenen Herden. Klassische Planung vor der OP reicht dann nicht aus – das Team braucht „Live-Daten“ während der OP und eine Darstellung, die im Sichtfeld der Operateur:innen bleibt. Genau hier greifen Neuronavigation, intraoperatives MRT (iMRI) und Augmented Reality (AR) ineinander.
iMRI: Das zweite Paar Augen – mitten in der Operation
Das Team um Rössler hat iMRI in hunderten Epilepsie-OPs eingesetzt. Das Resultat: Häufigere vollständige Resektionen und bessere Anfallsfreiheit, ohne die Komplikationsrate zu erhöhen. In einer großen Serie (415 Fälle) waren Engel-I-Ergebnisse (Anfallsfreiheit) sehr viel häufiger vorgekommen; iMRI deckte verbliebene Läsionen auf und führte oft zu einem „Second-look“ noch in derselben Narkose. Auch bei fokaler kortikaler Dysplasie (FCD) Typ II, einer Hirnentwicklungsstörung mit Epilepsie, zeigte iMRI zusammen mit Neuronavigation signifikant bessere Anfallsergebnisse, besonders wenn ein intraoperativer Zweiteingriff nötig war.
Pädiatrische Epilepsiechirurgie im Fokus
Seit 2020 läuft an der Neurochirurgischen Klinik der MedUni Wien eine 3-Tesla-iMRI-Zwei-Raum-Konzept. In 148 Eingriffen bei 124 Kindern optimierte iMRI die Ergebnisse in rund einem Viertel der Fälle; gleichzeitig blieben die Sicherheitsstandards hoch – ohne zusätzliche infektions- oder positionsbedingte Komplikationen. Fazit: iMRI ist nicht immer nötig, aber entscheidend in ausgewählten Situationen. Eine Meta-Analyse aus dem Wiener Team unterstreicht das Bild: iMRI verbessert Extent-of-Resection und Anfallskontrolle in der Epilepsie-Chirurgie.
AR & HUD im Mikroskop: Information dort, wo der Blick ist
Während iMRI „neue“ Bilder liefert, bringt AR die vorhandenen Informationen (Segmentierungen von Tumor, Gefäßen, Faserbahnen) direkt in den Okularblick des OP-Mikroskops. Das Head-up-Display blendet virtuelle Konturen über das reale OP-Feld – ohne Blickwechsel zu separaten Monitoren. Studien mit mikroskop-basierter AR zeigen hohe Registrierungsgenauigkeit, bessere Orientierung und einen raschen Accuracy-Check im Verlauf der OP. In der Schädelbasischirurgie und bei transsphenoidalen Eingriffen hilft AR, kritische Strukturen zu schonen.
Das Trio im Zusammenspiel
- Neuronavigation verknüpft präoperative Bildgebung (MRI/fMRI/DTI) mit der Patient:innen-Anatomie im OP.
- AR-Head-up-Display“ (HUD), macht diese Navigationsdaten als Overlays „sichtbar“ – in Echtzeit, im Mikroskop.
- iMRI aktualisiert bei Bedarf das gesamte Navigations-Setup und prüft, ob das OP-Ziel erreicht ist.
Gerade bei Läsionen nahe eloquenter Areale (Sprache/Motorik) im Zusammenhang mit Tumor- und Epilepsieoperationen erlaubt diese Kombination: maximale Resektion bei minimalem Risiko.
Was Patient:innen davon haben
- Höhere Chance auf komplette Tumor- oder Läsionsentfernung.
- Bessere Anfallskontrolle in der Epilepsiechirurgie (häufig Engel I).
- Mehr Sicherheit: iMRI erkennt Restgewebe sofort; AR/HUD reduziert Orientierungsfehler.
MedUni Wien als Standort mit Profil
Mit der Leitung der Universitätsklinik für Neurochirurgie (seit 2019) treibt Karl Rössler den Ausbau AI und bildgestützter, navigierter Neurochirurgie an der Medizinischen Universität Wien weiter voran – interdisziplinär mit Neurologie, Pädiatrie, Neuroradiologie innerhalb des Comprehensive Centers for Clinical Neuroscience and Mental Health (C3N-MH), und rückt die Neurochirurgische Klinik damit in das internationes Blickfeld.








